"Von dem alter / gelegenheit / ursprung und nammen der uralten und loblichen statt Zürych."
(Schweizer Chronik des Johannes Stumpf, 1547)
Die ältesten blidlichen Darstellungen der Stadt Zürich sind Illustrationen zum Alten Zürichkrieg aus dem späten 15. Jh.: Die Stadt ist meist nicht sehr genau gezeichnet, auf der ältesten Darstellung in der Chronik von Gerold Edlibach merkwürdigerweise sogar seitenverkehrt; Die ersten gedruckten und detaillierten Pläne entstehen im 16. Jh., der schönste sicher der Murerplan von 1576. Trotz fehlender Darstellungen haben wir eine genaue Vorstellung von der Stadt, wie sie im 13. Jh. aussah, aus urkundlichen und archäologischen Quellen, aber auch, weil nach einer hektischen Bauperiode im 13. Jh. sich das Aussehen der Stadt bis im 17. Jh. nicht wesentlich veränderte. Wir beginnen unseren Rundgang vor dem Rennwegtor, und werden versuchen, uns Zürich so vorzustellen, wie es an einem Februartag 1271 ausgesehen haben mag.
Die Stadt ist 1218 mit dem Tod des letzten Zähringer und im Einklang mit dem europaweiten Aufstieg der Städte reichsunmittelbar geworden. Den grössten Teil des 13. Jh. muss Zürich eine einzige Grossbaustelle gewesen sein. Die Stadtmauer wurde um die 1230er Jahre gebaut (der Bischof von Konstanz verbietet 1230, von Klerikern Abgaben zum Mauern- und Grabenbau zu verlangen; offenbar wurde der Mauerbau in Abschnitte aufgeteilt, für die die jeweiligen Anwohner zuständig waren), eine grosszügig angelegte und eindrückliche Anlage, die stolz die neugewonnene Freiheit und das wachsende Selbstvertrauen kundtut. Sie umfasst 38 Hektaren Land, ein guter Teil davon noch unüberbaut. Die Mauer war aber nur eines der prestigiösen Projekte, die von der Rivalität zwischen den beiden Münstern einerseits und dem allgemein wachsenden Reichtum der Bewohner andererseits begünstigt wurden. Überall entstanden neue Steinhäuser und Wohntürme.
Das Rennwegtor war der `Haupteingang' ins Zürich des 13.Jh. Über eine Brücke betrat man ein starkes Torgebäude. Der Rennweg dahinter war eine breite Hauptstrasse. Auch seine Seitengassen sind breiter als im älteren Teil der Stadt. Das Quartier ist wohl im 12. und 13. Jh. entstanden und wird vor allem von Handwerkern und Bäckern bewohnt, zum ersten Mal urkundlich erwähnt wird es 1221.
Rennwegtor (Belagerung im Alten Zürichkrieg, Chronik des Gerold
Edlibach) |
Kloster Ötenbach und Rennwegtor (Murerplan 1576) |
Vom Kloster Ötenbach ist nichts übriggenlieben; es fiel zusammen mit dem ganzen Hügel, auf dem es stand, der Stadtplanung des frühen 20. Jh. zum Opfer. Bis 1901 diente es als Gefängnis, dann wurden die Gefangenen in `gespenstischer Fahrt mit Möbelwagen' nach Regensdorf überführt und 1904 erfolgte der Durchstich der Uraniastrasse.
1234 hatten sich verschiedene Gruppen von Beginen zusammengeschlossen und bauten ein Klostergebäude ausserhalb der Stadtmauern, das aber, bevor es bezogen werden konnte, von der Sihl zerstört wurde. Einen zweiten Versuch wagten sie am See, beim Ötenbach (heute Hornbach). Als auch dieses Kloster dem Hochwasser zum Opfer fiel, übersiedelten 1285 die 64 Nonnen in verhängten Booten zurück an die Sihl, auf den Sihlbühl, der nun Ötenbachhügel genannt wurde. Daraus entwickelte sich ein blühendes Dominikanerinnen-Kloster, das sich bald zu einem eigentlichen kleinen Dorf in der Stadt entwickelte. Nach der Reformation wurden die verbleibenden Nonnen und Betschwestern der Stadt hierhin umgesiedelt.
Der Lindenhof ist als Stelle des römischen Kastells und später der karolingischen Pfalzburg sicher die Keimzelle der Stadt. Von hier aus können wir uns auch einen Überblick verschaffen über die Ausdehnung der Stadt, den Verlauf der Stadtmauern und der Limmat. Eine Statue auf dem Brunnen erinnert an ein Ereignis im Jahr 1292: Als das Zürcher Heer bei Winterthur von den Habsburgern geschlagen wurde und diese gleich auch das schutzlose Zürich einnehmen wollten, sollen sich die Zürcher Frauen bewaffnet auf dem Lindenhof versammelt haben. Die Habsburger waren über dieses unerwartete zweite Heer anscheinend so verwirrt, dass sie wieder davonzogen. Im 18. Jh. wurde auf dem Lindenhof ein römischer Grabstein gefunden, der die Frage entschied, wie der Ort im Altertum genannt wurde :"STA(tio) TUR(i)CEN(sis)". Eine Replik ist bei der Süd-Treppe eingelassen.
Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches blieb die Siedlung zunächst gallo-romanisch, und vermischt sich dann allmählich mit den in der Umgebung angesiedelten Alemannen. Um 700 wird die bescheidene Flussiedlung plötzlich wieder aus ihrem Dämmerschlaf gerissen, als sie für die fränkische Reichspolitik als Etappe nach Süden und als Zollstation interessant wird. 853 wird die Pfalzburg erwähnt ("in castro Turicino iuxta fluvium Lindemaci"), die der Enkel Karls des Grossen, Ludwig der Deutsche, erbauen liess. Für seine Tochter Hildegard stiftete er ausserdem ein Frauenkloster, das spätere Fraumünster, in Verbindung mit dem bereits bestehenden Männerkloster auf der anderen Flusseite. Damit ist der Grundstein gelegt für den Aufstieg von Zürich zum Wallfahrtsort und zur Stadt. Im 12. Jh. wird es gar schon `die vornehmste Stadt Schwabens' genannt (Barbarossa-Vita des Otto von Freising 1158; über dem Tor stehe geschrieben "Nobile Turegum multarum copia rerum", `Zürich ist edel durch Überfluss', Zureich eben). Die Pfalzburg jedoch ist im Hochmittelalter verfallen und wird als Steinbruch für die Stadtmauer und das neue Rennwegquartier benutzt. Nach der emsigen Bauperiode im 13. Jh. stagniert allerdings das Wachstum, und bis im 17. Jh. wird die Stadt nicht mehr wesentlich grösser. Man kann fast sagen, die Stadtmauer war allzu grosszügig angelegt, und einige Leerflächen bleiben bis in die Moderne bestehen.
Ausserhalb des römischen Kastells stand hier ein Jupitertempel. Von einer monumentalen Säule sind Bruchstücke im Landesmuseum erhalten. Bereits zu karolingischer Zeit stand an dieser Stelle eine Pfarr- und Friedhofkirche. Mindestens für das linke Flussufer stand St. Peter als Kirche für das Volk immer im Kontrast zu den Klosterkirchen. 1538 liess der Rat am Turm die grosse Uhr anbringen. Bis 1915 sassen auf dem Turm die städtischen Feuerwächter. Ludwig der Deutsche übergab "die Kapelle St. Peter" Berold, dem Leutpriester der Äbtissin Hildegard. Rudolf Brun, der Begründer der Zürcher Zunftordnung wurde zusammen mit seinem Koch 1360 im Chor beerdigt. Ein seinem Grabstein nachempfundener Gedenkstein steht heute aussen am Chorturm. Das heutige Kirchenschiff stammt aus dem frühen 18. Jh.
der spätromanische St. Peter (13. Jh.) |
Rudolf Bruns Grabstein |
Das Fraumünster war von Anfang an für Damen des hohen Adels bestimmt. Die Stiftsdamen wurden gegen eine saftige Mitgift aufgenommen; sie durften später auch wieder austreten und heiraten. Ludwig verband auch beträchtliche Ländereien mit der Stiftung und verlieh dem Kloster Immunität. Der Bau der Klosterkirche dauerte 20 Jahre, wahrscheinlich neben der Pfalzburg der einzige Steinbau der Siedlung. Äbtissin Hildegard starb schon 856, und unter ihrer Schwester und Nachfolgerin Berta wurde das Münster am 11. September 874 mit viel Pomp eingeweiht. Bischof Gebhard von Konstanz soll einen Teil der Gebeine der Stadtheiligen aus ihren Gräbern genommen, davon einen Teil verschenkt und den Rest über die Limmat ins Fraumünster tragen lassen haben. Das war der Anfang von Zürichs Rolle als wichtigster Wallfahrtsort des Bistums Konstanz. Der 11. September ging als Felix-und-Regula-Tag in den Kalender ein, und ein grosser Herbstmarkt mit Eröffnung am Kirchweihtag entwickelte sich. Das Datum des Knabenschiessen und die Züspa gehen auf diesen Markt zurück. Auf der Seite zum Münsterhof, dem Marktplatz, ist das "Zürcher Klaftermass" (1.86m) angebracht.
1150 und 1250 wurde die Kirche um je einen Turm erweitert. Mit dem Umbau von 1250 erreichte Zürich erstmals die Gotik. Unter Äbtissin Elisabeth von Wetzikon (1270-1298) kam der neue Stil zum Durchbruch. Die Äbtissinnen waren bis zum Umsturz von 1336 auch oberste Richterin der Stadt. Sie nahmen dieses Privileg allerdings nur sehr selten in Anspruch. Noch 1480 wurde ein Vergewaltiger von der Äbtissin vom Scharfrichter "losgeschnitten", 1495 ein Eidbrecher, und 1501 wieder ein Vergewaltiger. Ein anderes Privileg war das Asylrecht: für flüchtige Übeltäter wurde eine kleine Wohnung freigehalten, wo sie vor Blutrache und dem Zugriff des Gerichts geschützt waren. Die letzte Äbtissin, Katharina von Zimmern, übergab 1524 dem Rat alle Rechte und Besitztümer, wurde Bürgerin der Stadt und heiratete den Ritter Eberhard von Rischach, einen Getreuen Zwinglis.
Teile des alten Kreuzganges sind erhalten und mit Gemälden von Bodmer verziert (1928-1938): Nach der Gründungslegende soll ein Hirsch mit leuchtendem Geweih den Prinzessinnen Hildegard und Berta am waldigen Seeufer den Ort für ihr Kloster angezeigt haben.
Münsterhof und Fraumünster (Murerplan 1576) |
das Fraumünster von Nordosten (13. Jh.) |
An der Stelle der Rathausbrücke war lange Zeit der einzige Übergang über die Limmat; schon in der römischen Siedlung bestand hier wohl eine Holzbrücke. Erst im frühen 13. Jh entstand ein Holzsteg zwischen den Münstern, um den Pilgern den Besuch aller Reliquien zu erleichtern. Auch die Rathausbrücke war bis ins 16. Jh. aus Holz. An Pfingsten 1376 begegneten sich auf der Brücke zwei Prozessionen aus den beiden Münstern. Da keine der beiden der anderen den Vortritt lassen wollte, kam es zu einem Gerangel, bis das Geländer brach und Mönche und Nonnen in den Fluss fielen und acht davon ertranken. Daraufhin erliess der Rat die erste Zürcher Verkehrsregelung, "wie fürderhin jeder gehe, welche Zünfft mit ihren Kertzen sich dem Probst, welche der Äbtissin zugesellen sollten". Das Rathaus wurde auch im 13. Jh. auf Stützen in den Fluss gebaut. Da das nicht aus Platzgründen geschehen sein kann, muss der Grund dafür Prestige und architektonischer Übermut gewesen sein.
Noch bis ins 19. Jh. war die Münsterbrücke ein blosser Holzsteg,
über den zu reiten `bei Konfiskation des Pferdes' verboten war.
Er führte durch einen hölzernen Vorbau der Wasserkirche. Ein wenig
flussaufwärts stand, mitten in der Limmat, der Wellenberg, der
Gefängnis-Turm. Auf der Wasserkirchen-Insel könnte schon früh ein
Heiligtum bestanden haben. Sicher stand hier um die Jahrtausendwende eine
Kapelle; eine frühe gotische Kirche entstand 1288,
Hans Waldmann ersetzte diese 1480 durch eine spätgotische.
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Die Geschichte der Stadtheiligen wurde nach den ältesten Zeugnissen
einem Mönch Florenicus im 8. Jh. offenbart, also zu der Zeit,
als Zürich wieder eine Bedeutung als Stützpunkt und Zollstation
erlangt, und etwa ein Jahrhundert vor den Anfängen der beiden
Münster. Danach sollen die Geschwister Felix und Regula aus der
im Wallis stationierten thebäischen Legion geflüchtet sein, die
anschliessend summarisch hingerichtet wurde, weil sie sich weigerte,
an den Christenverfolgungen teilzunehmen. Die Geschwister sollen
in Zürich verhaftet wurden sein, und als sie sich auch unter
Folter uneinsichtig zeigten, auf der Insel der Wasserkirche
enthauptet. Sie sollen ihre Köpfe aufgenommen haben und
40 Schritte auf den Hügel am Ufer gegangen und dort zusammengebrochen
sein. Der Findling in der Krypta der Wasserkirche wurde als Richtblock
angesehen. Ihr
Diener Exuperantius oder Häxebränz erscheint erst im 13. Jh. als
im Volk beliebte Figur. Das Grossmünster verwahrte sich gegen diesen
`erfundenen' Heiligen, bis ihm 1264 ein gewisser Rüdiger Meier seine
Ländereien vermachte unter der Bedingung, dass Exuperantius von nun
an auch in die Liturgie aufgenommen werde. Handkehrum spotteten
nun die Bettelorden über den Heiligen, der angeblich von den Pfaffen
nur eingeführt wurde, um noch mehr Gewinn aus Spenden und
Sakralkitsch einzustreichen.
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Das Grossmünster stand politisch im Schatten des hochdotierten, reichen und mächtigen Damenstifts. Dafür genoss es den Vorrang als Pilgerkirche, weil es die Gebeine der Stadtheilgen beherbergte, was auch deren teilweise Translation ins Fraumünster nicht wettmachen konnte. Nach der Legende soll Karl der Grosse auf der Jagd einen Hirsch bis nach Zürich verfolgt haben, und auf diesem Hügel soll sein Pferd niedergekniet sein, um anzuzeigen, dass er zu Ehren der hier bestatteten Heiligen eine Kirche bauen solle (die Szene ist in einem Steinrelief innen beim Eingangstor dargestellt). Karl der Grosse hatte seinen eigenen Altar im Münster, und seit 1259 führt der Probst sein Bild im Siegel. Um diese Zeit könnte auch erstmals eine Kalsfigur am Turm angebracht worden sein. Die heute in der Krypta ausgestellte stammt aus dem 15. Jh. Tatsächlich könnten die Anfänge des Klosters in karolingische Zeit fallen, aber ein Besuch des Kaisers ist nicht belegt. Das Grossmünster war auch als Pfarrkirche für die rechte Limmatseite zuständig. Die heutige Kirche wurde um 1100 begonnen und um 1230 fertiggestellt. Um dem immer prächtiger werdenden Fraumünster Paroli zu bieten, wurde um 1250 das Mittelschiff erhöht. Der Chorherr Konrad von Mure berichtet, 1260 sei das Münster vollendet gewesen. Vom Münsterturm aus können wir uns nochmal einen Überblick über die Stadt verschaffen. Die Türme wurden 1487-92 erhöht und mit den Spitzdächern versehen, die auf dem Murerplan erscheinen. Ein Blitzschlag 1763 führte zum Umbau zu den heutigen neugotischen Hauben. Seit 1169 bestand eine Lateinschule, das "Carolinum", aus dem sich später die Universität entwickelte. Das heutige Grossmünster-Gebäude stammt vom Architekten Wegmann, der 1851 dazu den Kreuzgang abbrach und später wieder einbaute. Dabei sind ihm einige Elemente durcheinandergeraten, und der heutige Kreuzgang besteht aus einer Mischung aus ganz verschiedenen Zeiten. |
Die Kirchgasse führt bergan zum Lindentor. Nr. 22 wird 1276 als Haus des Stiftsängers Konrad von Mure genannt, Nr. 33 war der Wohnturm des Rüdiger Manesse, des Stifters der Liederhandschrift; dasselbe Haus war später Amtswohnung Gottfried Kellers.
Das frühe 13. Jh. erlebte einen wahren Boom der Volksreligiosität: Es bestand ein riesiges Bedürfnis nach direkter religiöser Erfahrung und nach Askese. Vor allem die unteren Schichten und vor allem Frauen schlossen sich den überall entstehenden Bettelorden, Laienbruderschaften und `Sammlungen' an. Die Bettelorden standen mit der etablierten Kirche in einem Konkurrenzkampf um die Gunst der Gläubigen und übten zum Teil auch harte Kritik an der Machtpolitik der Kirche, und befanden sich daher oft am Rande der Exkommunikation. Der Franziskanerorden ist ein frühes Beispiel dieser Erscheinung. Er wurde 1207 vom Papst anerkannt. 1240 bestand in Zürich ein Kloster von Barfüssermönchen (Franziskanern). Diese Mönche wurden in der Stadt gern gesehen, denn sie standen eindeutig auf der Seite des Volkes, waren anspruchslos und strebten nicht nach politischem Einfluss und pflegten selbstlos Kranke und Sterbende. Als über die Zürcher 1247 das Interdikt verhängt wurde, vertrieben sie die Geistlichen aus der Stadt. Nur die Barfüsser baten sie zu bleiben, um die Gläubigen zu betreuen. In dieser Zeit gewann das Kloster fast wider Willen viel Ansehen und Reichtum. Man kann diese Zwiste zwischen kaisertreuen Bürgern und romtreuem Klerus bereits als erste Vorboten der Reformation sehen; die Kleriker kehrten in die Stadt zurück, aber sie erreichten nie mehr ihre alte Machtpostiton. Das mehrfach renovierte Barfüsserkloster dient heute als Gerichtsgebäude, Teile des Kreuzganges aus dem 15. Jh. sind erhalten.
Um den Neumarkt sind viele Steinhäuser aus dem 13. Jh. erhalten. Besonders auffällig ist ein hoher Wohnturm: der Grimmenturm, benannt nach Johann Bilgeri, dem Grimmen; im angebauten Haus Zum Langen Keller wurden bedeutende Wandmalereien aus der Manessezeit gefunden. Johann Bilgeri übergab Haus und Turm den "ehrbar geistlichen Frauen und willigen Armen" und den Bedürftigen des Spitals. Mindestens 40 arme Schwestern sollten darin wohnen, wobei sie nicht mit Seide umgehen durften - vielleicht zum Schutz des Seidenhandwerks, das ein "unzünftiges", also ungeschütztes Gewerbe war, vielleicht auch, weil Seide im Geruch eines unziemlichen Luxus stand. Das Seidengewerbe blühte erst nach der Reformation auf und trug wesentlich zum Wohlstand der Stadt in der frühen Neuzeit bei.
Auch die Prediger (Dominikaner) sind im Zusammenhang mit der grossen asketischen Bewegung des frühen 13. Jh. zu sehen. Sie begannen als Bettelorden, der den Reichtum und die Ignoranz der Kirchenfürsten bekämpfte und verhöhnte. Trotzdem genossen sie die Gunst des Papstes. 1231 ermahnt Gregor IX. die Geistlichen, die Dominikaner nicht zu schikanieren. Grossmünster und Fraumünster beklagen sich im 13. Jh. wiederholt beim Papst über Beschimpfungen durch Bettelmönche. So berechtigt ihre Kritik wohl war, man hat sich die Dominikaner sicher als einen radikalisierten Trupp junger Besserwisser vorzustellen, die aber immerhin ihre Vision tatkräftig und mit Erfolg umsetzten (ihre fanatische Ader tritt später auch in ihrer Rolle als Inquisitoren hervor). Die Münster prangerten die Bettelmönche als üble Ketzer an. Gegen die Popularität der Prediger und der Barfüsser im Volk und beim Rat kamen sie aber nicht an: Sie kamen einem grossen Bedürfnis an Mystik und Askese entgegen, und ihre nützlichen Dienste an Armen und Kranken waren bald unverzichtbar. Prediger und Barfüsser erhielten je ein unbebautes Gelände innerhalb der neuen oder noch unfertigen Stadtmauer für ihre Klöster zugewiesen. Ein Skandal war 1243 der Übertritt des Grossmünster-Domherrn Otto Manesse zu den Predigern. Erst nach 1300 durften die neuen Klöster auch Totenmessen feiern.
Gerüchte über unterirdische Gänge zwischen Männer- und Frauenklöstern in Zürich, etwa zwischen dem Prediger und dem St. Verena-Kloster an der Froschaugasse, sind sicher gegenstandslos. Noch 1971 wurde behauptet, ein solcher Gang sei entdeckt worden, aber mit viel grösserer Wahrscheinlichkeit handelte es sich dabei nur um den alten Kanal des Wolfbach, der bis heute unter dem Predigerplatz hindurch in die Limmat fliesst.
Nördlich von hier liegt das Niederdorf, im Mittelalter ein eher bescheidenes Aussenquartier. Wir können einen kleinen Abstecher an die Gräbli-Gasse zum letzten erhaltenen Überrest der alten Stadtmauer machen (genauer gesagt ist das nicht der allereinzige Rest; bei den Umbauarbeiten der Zentralbibliothek wurden andere Mauerreste an der Chorgasse 22 entdeckt. Den Schlüssel zu ihrer Besichtigung vergibt das Stadtarchiv).
Der Weg durch die Froschaugasse zurück zum Neumarkt führt uns vorbei am Ort des mittelalterlichen Judenviertels. Bis zu einem Pogrom 1349 war hier eine blühende jüdische Gemeinde, die dann mehr und mehr unterdrückt wurde, bis die Juden 1436 aus Zürich vertrieben wurden und bis zur Niederlassungsfreiheit 1862 in bestimmten ihnen zugewiesenen Gemeinden leben mussten. Das Haus an der Froschaugasse 4 hiess "Judenschule" und beherbergte die mittelalterliche Synagoge. Der jüdische Friedhof lag vor dem Lindentor.
In diesem Haus haben verschiedene Bürgermeister gewohnt. Der Hauskern ist aus dem 13. Jh., der Innenhof aus dem 16. Jh. Im Erdgeschoss ist ein grosses Modell der Stadt um 1800 ausgestellt: Zürich am Vorabend der Industrialisierung, sowohl die alte als auch die neue (völlig übertrieben luxuriöse, im 17. Jh. gebaute und nach kaum 150 Jahren wieder abgebrochene) Stadtmauer ist gut sichtbar. Der spätere Bahnhofplatz dient als Schiess- und Exerzierplatz. St. Jakob an der Sihl (der heutige Stauffacher), wo im Mittelalter Galgen, Richtplatz und Siechenhaus waren, und wo später die Arbeiterquartiere entstehen (heutiges Langstrassenquartier), ist noch als gesonderter Weiler erkennbar.
Zum Abschluss gönnen wir uns um die Ecke in der Öpfel-Chammer am Rindermarkt einen Trunk.
"DEr uralten wytbekannten Statt Zurych gestalt und gelägenheit / wie sy zuo diser zyt in wäsen / ufgerissen und in grund gelegt / durch Josen Murer / und durch Christoffel Froschower / zuo Eeren dem Vatterland getruckt / Jm M.D.LXXVI. Jar."
Der Murerplan als éin 3000x2000 Pixel Jpeg (2M): flaez.ch/zh/murer/Murerplan.jpg
unterteilt in 16 Stücke à 3500x2400 Pixel (je 1-2M):
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Die Stadt Zürich im 13. Jh.: Verlauf der Stadtmauer, Ausdehnung des Sees und der Limmat, Kirchen und Klöster, sowie archäologisch gesicherte Steinhäuser. Unser Rundgang ist grün markiert.