Mut zur Satzung

Jul 13, 06:50 PM

Von notorischer Seite können wir lesen, “Ethik” sei im wesentlichen das Recht des Stärkeren. Nun ist diese Idee ja nicht gerade neu und soll zunächst auch einfach als für sich selbst und ihren Äusserer sprechend stehenbleiben.

Der Doktor vom Herrliberg belehrt uns aber gleich auch noch über die Etymologie von ἔθος, angeblich in wörtlicher Übersetzung «das dem Leben Gemässe». Da hier die Schummelei vielleicht ein bisschen weniger offenkundig daherkommt als in der dreisten Verrenkung, neoliberale Abzockerei einfach mal mit “Ethik” gleichzusetzen, schauen wir hier doch lieber mal genauer hin.

Die Übersetzung “Gewohnheit” ist korrekt. Die Zusammenstellung mit “Sitte” auch. In der Tat ist germanisch sidus etymologisch (nahezu) identisch mit ἔθος, dazu indisch svadhā “Gewohnheit, Sitte”. Weitere Etymologisierung fördert aber nichts zutage, das sich auf “Leben” bezöge, sondern vielmehr auf das reflexive “sich selbst”, *swe-dh-, “das sich selbst Gesetzte” o.ä.

Die Indogermanen hatten also vor 5000 Jahren womit sich ein Dr B. heute noch schwertut, nämlich die Einsicht, dass “Ethik” oder “Sitte” nicht einfach ein Naturprodukt ist, sondern sich von der menschlichen Gesellschaft durch bewusste Anstrengung, unter zuhilfenahme eines Organs namens “Gewissen” erarbeitet und dann “gesetzt” werden muss. Dieselbe Erkenntnis spiegelt sich in anderen Wörtern für “Sitte”, wie lateinisch mōs, zu einer Wurzel, die bewusstes “Wollen” ausdrückt, wozu auch unser Mut; νόμισμα für “Brauch, Sitte, Einrichtung” von einer Wurzel für “ordnen”. Auch θέμις “die fest und unverbrüchlich stehende” als Name einer Göttin und daher auch “Recht, Gesetz, Sitte”. Ähnlich indisch dhárma “Satzung, Sitte, Recht”, wörtlich das fest gesetzte, die solide Stütze. Ebenso germanisch *dômoz “das Festgesetzte”, woher ahd. tuom “Urteil, Tat, Sitte” (und engl. doom “Urteil”). Schliesslich rītus “hergebrachte Art, Sitte, Gewohnheit”, von der Wurzel für “kunstvoll gefügt”.

Alle diese Wörter belegen, dass “Sitte” immer eine bewusste Anstrengung, eine Mission der Gesellschaft, über die Egoismen des Einzelnen hinauszuwachsen durch willentliche und ordnende Satzung. Nichts davon zeugt von einer dem Milliardär so bequemen Einstellung, “Ethik” sei sozusagen ein Nebenprodukt von “Leben” und falle von selbst an, wenn nur jeder für sich selber schaue.

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