Wir alle

178 days ago

Anno 2004 wurde noch geschätzt, die Weltbevölkerung würde ihr Maximum um 2080 bei etwas mehr als 9 Milliarden erreichen. Heute liegt die Schätzung bei 8 Milliarden um 2050. Das ist das optimistischst mögliche Szenario, denn bis 2050 werden die heute gezeugten Mädchen noch fruchtbar sein, d.h. der Motor des Bevölkerungswachstums um 2050 ist bereits hienieden eingetroffen. Weniger als diese 8 Milliarden, wenn wir von Katastrophen mit zig Millionen Toten oder millionenfacher Zwangssterilisation absehen, geht gar nicht.

Das ist eine bessere Nachricht als was man zu hoffen wagte; weltweit 2,6 Kinder pro Frau, das entspricht einem jährlichen Wachstum der Weltbevölkerung von noch 1%. Vor 40 Jahren waren es noch über 2%, und wenn alles gutgeht sind wir in weiteren 40 Jahren also bei 0%.

Diese 40 Jahre sind einer der wichtigsten Parameter, die wir heute für die Planung der Zukunft zur Verfügung haben. Alles andere, Umweltschutz, Hunger, Kriege, Weltwirtschaft, ist davon abhängig. Wir haben 40 Jahre Zeit, unser gegenwärtiges wachstumsbasiertes System auf eine nachhaltige Weltwirtschaft mit Nullwachstum umzustellen. Wir müssen bis in 40 Jahren in Gottes Namen noch eine Milliarde Dritt-Welt-Bewohner mehr füttern und unterbringen können müssen, aber dann ist das Mass endlich voll und eine allmähliche Konsolidierung der Weltgemeinschaft wird einsetzen können. Das wird nicht reibungslos gehen, v.a. Afrika und Indien werden nicht um Selbstzerfleischung herumkommen, eine Milliarde perspektiveloser junger Muslime werden in ihren eigenen sowie auch in allen anderen Gesellschaften negativ auffallen, und eine bankrotte USA wird nicht mehr Weltpolizei spielen mögen.

In diesem Zusammenhang ist es völlig verfehlt, sich über “fehlende Frauen” zu beklagen. Der Knabenüberschuss ist, was den Hoffnungsschimmer, in 40 Jahren sei das Schlimmste vielleicht überstanden, erst möglich macht. Natürlich ist ein demographischer Überschuss junger Männer nichts Schönes, führt zu Migration, Krieg, Terror- und Nihilismus, ganz im Sinne von James Brown, aber das ist die bittere Pille, ohne die überhaupt keine Genesung möglich würde.

Ganz ähnlich steht es bei uns, in unserem nach wie vor idyllischen Promille der weiten Welt. Wir stehen schon bei knapp 8 Millionen Leuten, und auch hier liegt das jährliche Wachstum bei einem guten Prozent, davon aber bloss 0.2% durch Geburtenüberschuss und dafür 0.9% durch Zuwanderung. Auch auf dieser lokalen Ebene ist es völlig verfehlt, die Entwicklung schönzureden. Ist der Welt gedient, wenn wir die Überbevölkerung sozusagen solidarisch nachvollziehen? Nein: ob wir ein Promille des Bevölkerungswachstums der dritten Welt absorbieren ändert am Ausmass des Problems nichts, Entwicklungshilfe findet vor Ort statt. Müssen wir das Wachstum willkommenheissen, weil es die Überalterung mildert? Nein: der Weg von einer zu rasch wachsenden zu einer stabilen Gesellschaft führt über eine kurze (20 Jahre) Phase der Überalterung. Da müssen wir durch, wenn es jemals besser werden soll.

Müssen wir das Wachstum als Ankurbelung der Wirtschaft begrüssen (jeder zusätzliche Einwohner ist ja auch ein zusätzlicher Konsument und Steuerzahler)? Nein: diese naive Argumentation ignoriert dass die Schweiz nicht ein virtuelles ökonomisches Konstrukt ist, sondern ganz altertümlich an ein Territorium gekoppelt bleibt, nicht mehr und nicht weniger als 41285 km², jeder davon mit heute 190 Bewohnern (2770 pro km² Siedlungsfläche). Bei “solidarischem Mitwachsen” mit der Weltbevölkerung haben wir bis 2050 um die 9.2 Millionen Leute, oder 225 auf jedem km² (3260 pro km² heutiger Siedlungsfläche). Für die weltweiten Probleme ist es völlig irrelevant, ob es 2050 im Mittelland noch Wiesen gibt. Wir nützen der Welt nicht, wenn wir unser Land zupflastern, und wir schaden ihr nicht, wenn wir unser Privilegium des Geburtendefizits nutzen, es zu bewahren. Es ist also einfach unsere Sache, was wir damit machen.

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مناور

276 days ago

Ich habe Nein gestimmt, erstens aus purem Liberalisums, und zweitens aus Eigennutz, weil das Ja ganz offensichtlich zuerst uns selber schadet.

Trotzdem kann ich mich nun über das Gejammer der der Verlierer ärgern.
“Abgesänge” auf die Schweiz, absehbare rhetorische Höhenflüge wie “quo vadis Schweiz”, “schäme mich für dieses Land”, usw. — wenn die Leute wenigstens konsequent wären und das einmal zu Grabe getragene ruhen liessen, aber offenbar freuen sie sich nach jeder Abstimmungsniederlage darauf, erneute Grabgesänge auf ihr Land anzustimmen.

Das “slippery slope” Argument ist immer verdächtig, und hier völlig fehl am Platz.
Wer sich fragt “und als nächstes brennen die Moscheen?” hat die Stärke unseres Systems nicht verstanden: Bei uns äussert sich der Volkszorn demokratisch, in kleinlichen Verfassungs-Revisionen. Bei uns verbietet man Minarette statt den Volkszorn köcheln zu lassen, bis zuletzt Nachtbuben Moscheen abfackeln.

Dann paradiert man muslimisch angehauchte Secondos (bzw. ṯānins), die Phrasen zum besten geben wie “Sängerin Emel”, die sich öffentlich fragt, “ob die humanitäre Tradition in der Schweiz passé ist”. Sie meint damit die liberale Tradition, aber “humanitäre Tradition” ist offenbar heute ein buzzword für allgemeines Schweiz-Bashing. Wenn die “humanitäre Tradition” der Schweiz von religiöser Diskriminierung bedroht würde, wäre diese Tradition bereits 1874 zu ende gegangen, als man den Jesuiten jegliche Beschäftigung in klerikaler oder erzieherischer Funktion untersagte, nur aufgrund ihrer Mitgliedschaft in einem religiösen Orden, und zwar derjenigen Konfession (der römisch-katholischen), der die Mehrheit der Schweizer angehörte.
Dieses Verbot, eine einschneidende Diskriminierung aufgrund religiöser Überzeugungen, galt bis 1973, d.h. während der gesamten goldenen alten Tage des Schweizer Bundesstaats.

Dann haben wir den omnipräsenten “Ex-Mister Schweiz, Arzt, 12-fachen Kickbox-Schweizermeister und Tausendasssa” Adel Abdel-Latif, der sich bemüssigt fühlt, von “Rassismus in seiner Reinstform” zu schwadronieren, offensichtlich unfähig, zwischen Konfession und Rasse zu unterscheiden. Rassismus klingt immer gut. Wieso nicht auch noch ein bisschen Nazi-Keule.

Man kann der Cervelat-Prominenz nicht übelnehmen, dass sie ihre Unbedarftheit zu Markte trägt. Verantwortlich ist die Journaille, die solchen Quatsch aus purem Frust über eine verlorene Abstimmung abdruckt. Die Minarettverbieter sind schlechte Globalisierungsverlierer. Die Minarettverbots-Jammerer und -Schämer sind schlechte Abstimmungsverlierer. Demokratie heisst auch verlieren können.

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Mut zur Satzung

417 days ago

Von notorischer Seite können wir lesen, “Ethik” sei im wesentlichen das Recht des Stärkeren. Nun ist diese Idee ja nicht gerade neu und soll zunächst auch einfach als für sich selbst und ihren Äusserer sprechend stehenbleiben.

Der Doktor vom Herrliberg belehrt uns aber gleich auch noch über die Etymologie von ἔθος, angeblich in wörtlicher Übersetzung «das dem Leben Gemässe». Da hier die Schummelei vielleicht ein bisschen weniger offenkundig daherkommt als in der dreisten Verrenkung, neoliberale Abzockerei einfach mal mit “Ethik” gleichzusetzen, schauen wir hier doch lieber mal genauer hin.

Die Übersetzung “Gewohnheit” ist korrekt. Die Zusammenstellung mit “Sitte” auch. In der Tat ist germanisch sidus etymologisch (nahezu) identisch mit ἔθος, dazu indisch svadhā “Gewohnheit, Sitte”. Weitere Etymologisierung fördert aber nichts zutage, das sich auf “Leben” bezöge, sondern vielmehr auf das reflexive “sich selbst”, *swe-dh-, “das sich selbst Gesetzte” o.ä.

Die Indogermanen hatten also vor 5000 Jahren womit sich ein Dr B. heute noch schwertut, nämlich die Einsicht, dass “Ethik” oder “Sitte” nicht einfach ein Naturprodukt ist, sondern sich von der menschlichen Gesellschaft durch bewusste Anstrengung, unter zuhilfenahme eines Organs namens “Gewissen” erarbeitet und dann “gesetzt” werden muss. Dieselbe Erkenntnis spiegelt sich in anderen Wörtern für “Sitte”, wie lateinisch mōs, zu einer Wurzel, die bewusstes “Wollen” ausdrückt, wozu auch unser Mut; νόμισμα für “Brauch, Sitte, Einrichtung” von einer Wurzel für “ordnen”. Auch θέμις “die fest und unverbrüchlich stehende” als Name einer Göttin und daher auch “Recht, Gesetz, Sitte”. Ähnlich indisch dhárma “Satzung, Sitte, Recht”, wörtlich das fest gesetzte, die solide Stütze. Ebenso germanisch *dômoz “das Festgesetzte”, woher ahd. tuom “Urteil, Tat, Sitte” (und engl. doom “Urteil”). Schliesslich rītus “hergebrachte Art, Sitte, Gewohnheit”, von der Wurzel für “kunstvoll gefügt”.

Alle diese Wörter belegen, dass “Sitte” immer eine bewusste Anstrengung, eine Mission der Gesellschaft, über die Egoismen des Einzelnen hinauszuwachsen durch willentliche und ordnende Satzung. Nichts davon zeugt von einer dem Milliardär so bequemen Einstellung, “Ethik” sei sozusagen ein Nebenprodukt von “Leben” und falle von selbst an, wenn nur jeder für sich selber schaue.

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ἔννεπε Μοῦσα

450 days ago

Göttlechi Tochter, o sing mer das Lied doch vom gwaglete Ma itz!
Isch es ihn ja, wo Troja, di herrlechi Veschti het proche.
Het er drufabe dert mängerlei Lüte Örter glehrt bchenne.
Allerlei Bittersch u Leids ufem Meer uss erläbt und erlitte.
Toll um sys Läben ou grunge, für d’Heifahrt vo all syne Gspane.
Aber doch alles für nüt und ekeine het er errettet.
Zgrund si si ggange dür eigeti Schuld u verwägene Frävel.
Töde di Tröpf nid am Sunnegott syner heilige Stiere!
Gwaltig ertöibt wäge däm laht dä Gott sälb Fahrt la vergrate.
Öppis vo däm doch sing is u pricht is, du herrlechi Göttin!
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urliberal

464 days ago

Rauchverbote sind scheinbar nicht nur eine notwendige Massnahme zur Wahrung der Volksgesundheit sondern gar von einem “urliberalen Prinzip” diktiert:

“Unsere persönliche Freiheit hört dort auf, wo wir Dritte mit unserem Handeln beeinträchtigen.”

Von diesem “urliberalen Prinzip” lässt sich nicht nur ein totales Fahrverbot, Gehverbot, Singverbot oder Kussverbot sondern geradezu die Abschaffung jeglichen Privatbesitzes, ein allgemeines Ausgangs- und Versammlungsverbot nebst Gesetzen gegen Rassenschande und Euthanasie an allerlei uns negativ “beeinträchtigenden” Gruppen ableiten.

Achso, es war also gemeint “übermässig beeinträchtigen”? Dann ist es aber kein “Prinzip” sondern eine blosse pragmatische Einschränkung eines in den Anarchismus spielenden Extrem-Liberalismus. Je liberaler man ist, desto mehr Widerstände wird man gegen Argumente verspüren, diese oder jene Beeinträchtigung sei “übermässig”.

Übrigens scheint “urliberal” eine neue Wortschöpfung zu sein (seit 2006?), im Moment mit gerade mal 80 google hits, Aber offenbar ein Superlativ, dessen Wirkungsmacht verflogen ist, bevor sie richtig zur Geltung kam, wenn “Die Liberalen” nun schon abenteuerlich den Wunsch nach neuen Verboten mit diesem Etikett schmücken.

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